Die Schifffahrt-Misere ist noch lange nicht ausgestanden, sondern spitzt sich wieder zu. Wir sprachen mit dem Experten für geschlossene Fonds, Alexander Endlweber, Berlin. A. Endlweber brachte zusammen mit zwei Partnern unter dem Label blauwinder KOMMUNIKATE das Kompendium "Geschlossene Fonds in Österreich" (geföX Band 1) auf den Markt. Im September 2010 ist die jüngste geföX-Marktstudie 2009/2010 erschienen.
BE: Herr Endlweber, wie hat sich die Schiffsindustrie seit 2009 entwickelt und wie sind die aktuellen Aussichten angesichts der eingetrübten Wirtschaftslage?
Die Wirtschaftskrise nach dem Finanzdesaster hat der Schifffahrt schwer zugesetzt. Heute lässt sich sagen, dass alle Teilmärkte betroffen waren. Einige Segmente haben eine Aufholjagd gestartet, die viele bereits aufatmen ließ. Doch derzeit sieht es danach aus, dass die Krise zurückkehrt. Der neuerliche Einbruch wird in unterschiedlicher Ausprägung erfolgen. Das muss man sich im Detail nach Schiffstyp und Schiffsgröße ansehen. Vergessen Sie dabei nicht, dass die Märkte nicht nur von exogenen Faktoren wie dem Güterhandel, sondern auch von endogenen Faktoren wie der Flotten- und Preispolitik beeinflusst werden.
BE: Wieso hat sich der Baltic Dry Index ausgerechnet seit August deutlich verbessert?
Diese „Verbesserung“ sollten Sie nicht überbewerten. Der Index ist seit jeher sehr volatil, ein paar hundert Punkte auf oder ab sind keine herausragende Besonderheit. Vor genau einem Jahr stand der Index 550 Punkte über dem heutigen Niveau von 1.900 Punkten. Die Höchststände von 2009 (4.661 Punkte) und 2010 (4.209 Punkte) sind jedenfalls außer Reichweite. Es besteht also kein Grund zur Freude. Der zeitweilige "Aufschwung" kommt von einigen Beschäftigungsabschlüssen, die über dem extrem schwachen Marktniveau liegen. Nachhaltig ist das jedoch nicht. Insgesamt betrachtet ist das Ratenniveau weiterhin sehr niedrig. Es ist zu hören, dass die Branche mit anhaltenden Verlusten – sogar bis ins Jahr 2015 – rechnen.
BE: In welchem Umfang rechnen Sie mit weiteren Pleiten bei den Schiffsfonds?
Bislang standen vor allem Containerschiffe und Bulker im Vordergrund der unerfreulichen Nachrichten. Allerdings sollten die Tanker nicht außer Acht gelassen werden. Über diesen Schiffen braut sich Ungemach zusammen. Daher wird es auch in diesem Segment zu schwerwiegenden Verlusten kommen. Insgesamt sollten Sie mit einer Fülle von weiteren Notsituationen rechnen: gemeint sind also Insolvenzen oder Zwangsverkäufe, um Insolvenzen zu vermeiden. Leider ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Das Problem: Die erhoffte Markterholung ist ausgeblieben oder nicht stark genug eingetreten. Deswegen werden auch bereits "sanierte" Schiffe wieder in Seenot geraten.
BE: Gibt es eigentlich Schätzungen, welcher Anteil an in den letzten Jahren emittierten Schiffsfonds für die Anleger ein Desaster war bzw. eine Einschätzung, wie groß der Anteil an Fonds ist, mit denen der Anleger unbeschädigt über die nächste Zeit kommt?
Das könnte man sicher mühsam eruieren. Allerdings würde das Ergebnis nur eine Momentaufnahme darstellen. Wenn Sie diese Frage beispielsweise anhand der Leistungsbilanzen für das Jahr 2010, die derzeit reihenweise veröffentlicht werden, beantworten, können Sie sicher sein, dass das Ergebnis nicht aktuell ist. Vortrefflich streiten könnten Sie sich mit den Emissionshäusern darüber, was ein "Desaster" für die Anleger ist. Lassen Sie mich aber ergänzen, dass die Kollegen der Fondszeitung über 500 Fondsschiffe eruiert haben, die in Not geraten sind. Knapp 70 Schiffe davon sind entweder in die Insolvenz gefahren oder wurden vorher verkauft. Wie hoch die Dunkelziffer ist, lässt sich nur schwer sagen, nicht zuletzt deswegen, weil sehr viele Schiffe in Private-Placement-Beteiligungen platziert wurden. Es ist trotzdem möglich, dass bereits mindestens ein Fünftel aller aktiven Fondsschiffe in Schwierigkeiten geraten ist.
BE: Muss man den Emittenten Fahrlässigkeit bei der Ausgestaltung der Schiffsfonds vorwerfen und haben Anleger Chancen auf Schadenersatz wegen Prospektfehlern (gibt es derartige Fälle, die zum Erfolg für Anleger führten) oder eher wegen Beratungsfehlern?
Man kann und sollte darüber diskutieren dürfen, ob und in welchem Ausmaß Schiffsfonds sehr optimistisch aufgelegt wurden. Das betrifft einerseits die Assetebene, also – im Boom – sehr teuer eingekaufte Schiffe, die in den Markt gedrückt wurden, obwohl sie eigentlich gar nicht mehr platzierungsreif waren. Und andererseits geht es um konzeptionelle Merkmale der Fonds, zu denen eben auch Prognoserechnungen zählen. Dabei lässt sich jedenfalls aus heutiger Sicht durchaus sagen, dass in vielen Fonds die Annahmen viel zu optimistisch waren. Es wurden die Stellschrauben zugunsten höherer Prognoserenditen gedreht. Ob Fahrlässigkeit und Prospektfehler im Spiel waren, kann und sollte man nicht pauschal beantworten. Das ist im Einzelfall zu prüfen und eventuell zu ahnden. Dasselbe gilt für die Beratungsfehler, für die in der Regel nicht die Emissionshäuser verantwortlich sein dürften. In der Tat hat die Krise eine Heerschar von Anwälten auf den Plan gerufen, die den Anlegern leider sehr viel versprechen, obwohl sie bislang noch keine flächendeckenden Erfolge verzeichnet haben. Gleichwohl ist der so genannte Anlegerschutz für unzählige Juristen zum tragenden Geschäftsmodell geworden. Anleger sollten also zumindest jetzt kritisch sein, ob und mit wem sie Klage erheben, ehe sie womöglich noch einmal Geld verlieren.
BE: Generell hört man dass die GF-Branche abseits der Schiffsfonds wieder gut läuft, aber entspricht das der Wahrheit?
Wer hat Ihnen denn das erzählt? Ich halte das für einen Marketingtrick, um die Vertriebe und Anleger wieder zu motivieren. Tatsache ist, dass so richtig gut gar nichts läuft. Ausnahmen bestätigen die Regel, wobei die hoch gelobten Solarfonds auch einen Dämpfer bekommen haben. Das gilt auch für Immobilienfonds, die längst keine Selbstläufer mehr sind. Jegliche Branchenzahlen, die einen Aufschwung suggerieren, sind mit Vorsicht zu genießen. Achten Sie auf Einmaleffekte – z.B. besonders große Fonds – und statistische Zählweisen. Zur Wahrheit gehört übrigens auch, dass Emissionshäuser nicht nur bei Schiffen Probleme zu lösen haben. Ein Beispiel: Hunderte Immobilien leiden unter einer Fremdfinanzierung, die teilweise oder manchmal sogar vollständig in Schweizer Franken aufgenommen wurde. Außerdem sind viele Prognoseannahmen nicht eingetreten. Das bremst den Vertrieb beim Absatz neuer Produkte.
BE: Herr Endlweber, vielen Dank für das Interview!






